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Schönheit



Wenn es jemanden gab, der pure Schönheit verkörperte, dann war es Helena. Sie war eine der Glücklichen, die mit ihrem Aussehen absolut zufrieden sein konnten. Doch sie ertrank im Selbsthass und konnte es nicht ändern. Wie konnte ein so perfektes Mädchen nur so narzisstisch sein? Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, legte sich ihre Hand auf das wunderschöne Ebenbild. Helena benötigte keine Schminke oder sonst was, um schön zu sein. Jedenfalls äußerlich. Innerlich war sie hässlich, bis aufs kleinste Detail. Es sprach für sich, dass sie sich irgendwann hassen würde, doch jetzt, wo es so war- was konnte sie tun?
  Helena nahm ein Messer und schnitt damit eine lange Linie über ihre linke Wange, zog eine über die Stirn und ihre Nase. Selbst die Lippen blieben nicht verschont. Sie konnte nicht anders. Auch wenn sie wusste, dass eine durch und durch hässliche Helena noch furchtbarer und unerträglicher war, als die, die nur von außen perfekt zu sein schien.
  Das Blut quoll aus den Wunden hervor und tropfte zu Boden. Helena unterdrückte den Schmerz und schnitt nun über die Arme. Sie holte eine Schere hervor und schnitt sich die Haare. Irgendwie. Es sah schrecklicher aus, als der Tod persönlich.
Für all die schönen Jahre!, dachte Helena und machte weiter. Sie hätte am liebsten geschrieen, doch wer hätte sie schon gehört. Ihre Eltern lebten nicht mehr. Geschwister hatte sie nicht. Sie hatte es nicht anders verdient. Und sie wagte es auch nicht, sich im Spiegel zu betrachten, nachdem sie ihre Haut so zugerichtet hatte. Sie konnte aber auch kein besserer Mensch werden. Die Unnahbare in ihr würde immer die Oberhand behalten und sich nicht besiegen lassen. Zum Verzweifeln war es.
Aber innerliche Schönheit blieb die wahre Schönheit. Und Helena schaffte es einfach nicht, dass zu akzeptieren. Stattdessen zerbrach sie alle Spiegel im Haus, war sogar versucht, die Fenster zu durchschlagen.
  Ihre Schönheit war der Hass auf das, was ihre Eltern ihr angetan hatten. Sie waren gestorben. Wofür? Helena konnte es nicht begreifen und zerfleischte sich die Beine ...


Helena war nicht mehr schön, nicht mehr beliebt, nicht mehr oberflächlich. Sie war gar nichts. Nicht einmal ein Hauch in einem gewaltigen Wirbelsturm.
  Ihre Wunden waren verheilt. Ihre verdammten, unerträglichen Wunden, die lange weiße Narben hinterlassen hatten- einfach fort. Aber das durften sie doch nicht!
Wer war Helena denn überhaupt, wenn sie nicht das sexy Mädchen spielte, wie es von ihr verlangt wurde? Wer konnte sie sein? Zu ihrem Verdruss wurde sie nicht magerer ... nicht einmal annähernd. Sie nahm zu. Jeden Tag blickte sie sich im Spiegel an und musste die Tränen wegblinzeln. Das war einfach nicht gerecht! Sie wollte nicht dick sein. Sie war es nicht gewohnt. Sie wollte es einfach nicht! Manchmal zog sie extraweite Jogginghosen an, nur um nicht aufzufallen. Nur um nicht noch mehr aufzufallen.
  Helenas Freunde hatten sich von ihr abgewand. Sie wollten nichts von ihr. Hatten sie satt.
Auch Helenas Noten wurden schlechter. Selten schrieb sie mal eine drei. Sonst immer Schlechteres.
Verdammt, das konnte nicht gerecht sein! Sie sah eine Werbeanzeige mit superschlanken Models und versuchte, nichts mehr zu essen. Es wollte nicht gelingen. Sie erblickte die strahlendsten Gesichter. Leuchtende Augen, gerades Näschen, Grübchen, und fragte sich, was sie bloß getan hatte. Lieber wäre sie das abscheuliche Mädchen gewesen, mit den superheißen Kurven und einem Lachen wie Gold, als dieses erbärmliche Häuflein Elend aus Narben und Fett. Sie hätte alles für ihr altes Leben getan. Sie hätte ihren Eltern zehnmal beim Sterben zugesehen, nur um wieder schön und beliebt zu sein. Sie wusste, was für ein furchtbarer Mensch sie war. So egoistisch und ... hässlich. Hässlich war sie ganz sicher. Nicht ein bisschen, nicht ein wenig. Sie wollte die Welt um sich herum zerschlagen, so laut schreien sie konnte und einfach ihr Leben weiterleben, aber wofür? Was brachte es noch, da zu sein, wenn man verachtet, ausgelacht, gehänselt und ignoriert wurde? Helena konnte es sich nicht erklären. Diese Leute, die sich Freunde nannten, waren nichts als ... als Lügner! Wahre Freunde vergaßen einen doch nicht, wenn man äußerlich hässlich und innerlich zerstört aussah, oder? Oder wusste sie einfach nicht, was Freunde ausmachte? Niemand war perfekt, so sagte man, aber Helena war anderer Meinung. Sie war einst perfekt gewesen. Noch vor zwei Jahren hatte sie Eltern gehabt, war schön gewesen, wunderschön und war das beliebteste Mädchen der Schule gewesen. Wieder fragte sie sich, wofür? Und wieder konnte sie sich die Frage nicht beantworten. Diese Welt war ein einziges Rätsel und bot eine Menge Verwirrung.
"Geh doch einfach", murmelte sie ihrem Spiegelbild zu. "Geh und lass dich nie wieder blicken. Es wird dich keiner vermissen." Sie wohnte alleine, ging aber noch zur Highschool. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr hatte sie bei einer Pflegefamilie gelebt, wo sie auch schnell wieder ausgezogen war. Sie ertrug die Gesellschaft anderer Leute nicht lange. Nicht mehr.
  "Das werde ich auch!", fauchte das Spiegelbild zurück. "Ich werde verschwinden und sehen, wohin der Wind mich weht."
Helena war verwirrt und entsetzt zugleich. Ihr Spiegelbild sprach einfach weiter. "Zunächst ... suche ich mir einen Arzt."
  Es dauerte nicht lange und Helena lag auf dem Boden im Flur. Ihre Augen standen weit offen. Der Mund war geschlossen und ihre mittlerweile nachgewachsenen Haare erstreckten sich in alle Richtungen. Was war passiert?
  Der Spiegel glänzte herausfordernd. Auf ihm prangten mit rotem Lippenstift ein paar Worte.
Wofür ich starb.

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2 Responses to Schönheit

  1. Freddi - es ist absolut GENIAL!!! Wie ales, was du schreibst.
    Es ist so wunderschön geschrieben und doch so grausam ...
    (Sorry, was besseres schaffe ich um7.35 Uhr nicht -.- )
    Hab dich ganz doll lieb, meine Süße :* <333

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