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Fallende Blätter

Hier mal ein kleiner Einblick in die Geschichte, die ich für den NaNoWriMo schreibe. Damit ihr euch eine Vorstellung machen könnt, über was ich schon schreibe. Ob ich den Titel bei >Fallende Blätter< belasse, ist noch nicht klar.


Prolog



Padrona, die Herrin von Mela liebte die Veränderung. Wenn im Frühling die Rosen erblühten und sich die Vögel zum Brüten niederließen. Das war Montagna bewusst und sie konnte es nicht leiden, ihrer Mutter dabei zuzusehen, wie sie liebevoll eine Vase mit Blumen füllte. Die Anderen hatten Ehrfurcht vor der großen Herrin Melas.
  Montagna jedoch, schien nicht einmal Respekt zu haben. "Madre", sprach sie und ignorierte die Blicke ihrer Schwester Leone. "Ich glaube, der Herbst wird dieses Jahr besonders windig."
Sie, als Visionärin, musste es wissen. Jedes Mal trafen ihre Visionen zu und versetzten die Stadt in Angst und Schrecken.
Padrona seufzte müde und nahm die Hände ihrer Tochter. Das störte Montagna. Sie wollte diese bescheuerte Zuneigung ihrer Mutter nicht. Sie stieß sie weg und beließ es dabei.
  "Fass mich nicht an, Madre!", warnte sie und trat einen Schritt zurück. Padrona schüttelte verzweifelt den Kopf. "Ach, mein Kind. Wieso nimmst du meinen Schutz nicht?"
  In Mela wurde gemunkelt, dass Padrona eine mächtige Magierin war. Sie konnte zaubern und gedankenlesen. Montagna glaubte nichts davon.
"Sorella!", rief sie ihre Schwester Leone herbei. "Bleib du bei Mutter. Ich werde einen Spaziergang machen und meine Befürchtungen bestätigen lassen."
  Mela war dort, wo sich einst ein gewisses Italien befunden hatte. Man versuchte den Kindern weiszumachen, dass sie etwas Ähnliches wie Italienisch sprachen, was vom Latein abstammte, so wie viele andere Sprachen auch. In diesem Fall war Montagna sehr skeptisch. Sie glaubte nichts von dem, was die Älteren ihr erzählten. Sie glaubte an die Göttin Dea und sie glaubte, dass sie diejenige gewesen war, die ihnen diese Sprache verlieh.
  Montagna galt als sehr störrisch und wurde geachtet und respektiert, doch vor allem auch mit Würde behandelt. Es gefiel ihr. Sie mochte es, wenn die Leute sich vor ihr verbeugten, ihr Bäder einließen oder ein Festmahl für sie bereiteten. Sie genoss es alles, außer den Gedanken, dass sie es nur taten, weil Montagna die Tochter der Herrin von Mela war. Sie selbst wäre noch nicht einmal eine Fürstin, geschweige denn eine Herrin geworden. Sie wollte nicht mit Principessa angesprochen werden. Sie wollte auch keine wichtige, bekannte Person sein. Alles, was sie wollte, war, dass sie gut behandelt wurde. Konnte das zu viel verlangt sein?
  Sie trat nach draußen, atmete einmal tief ein uns wusste sofort, ein großer Sturm nahte. Wer brauchte schon Wachen, die einen  verfolgten und keine Sekunde aus den Augen ließen? Wer benötigte jede Minute des Tages Schutz und einen geborgenen Raum, in den man sich zurückziehen konnte?
Padrona.
  Montagna war ein Mädchen, das seine Mutter verachtete. Ihrer Meinung nach war die Herrin Melas bloß eine selbstsüchtige Hexe, ohne Ziele, die sie sich setzte. Diese Frau war keineswegs gut. Sie konnte doch nicht ihre Mutter sein!
  Erst nach einiger Zeit bemerkte Montagna, dass Leone ihr gefolgt war. Sie kauerte hinter ihrer großen Schwester und betrachtete wohl Montagnas langes, schwarzes Haar. Sie galt als eine Pericolosi und dazu noch als Rabentochter. Ihr Vater, Corvino, lebte nicht mehr. Er starb, als Montagna noch klein war. Wenn sie ihre Mutter nach ihm fragte, wich diese meistens aus. "Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben, Figlia. Er ist tot."
  Montagna hasste es, wenn Padrona sie Figlia nannte. Als wäre sie auch nur annähernd ihre Tochter! Hilfesuchend trat Montagna einen Schritt auf Leone zu. "Glaubst du, die heiligen Meli werden das Unwetter überstehen?"
Leones Gabe bestand darin, Gedanken zu erahnen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Jedes Kind der Padrona Santo besaß so eine Gabe, auch wenn sie nur zwei Töchter hatte. In Mela gab es keine Männer. Nirgendwo gab es Männer. Die Donne hatten sie gefangen genommen und nun lebten sie verstreut über das ganze Land als >Sklaven<, wie Montagna die Männer liebevoll nannte.
  "Ich weiß es noch nicht. Nach einer starken Vision bin ich immer ziemlich erschöpft. Lass mir bis morgen Zeit, um es herauszufinden."
Die beiden Schwestern standen sich sehr nahe. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander und sprachen über alles offen miteinander. Leone war bloß ein Jahr jünger als ihre Schwester und kam gut damit klar. Sie sollte später einmal in Padronas Fußstapfen treten und würde dann auch ihren Namen übernehmen. Padrona. Die Herrin. Mela hatte den Namen aus dem Italienischen übernommen
  "Du bekommst die Zeit, die du benötigst, Sorella. Nicht mehr und nicht weniger. Wir können die Meli nicht riskieren, wir können aber auch nicht zulassen, dass du kaputtgehst. Mela braucht dich. Ich brauche dich. Mutter braucht dich. Sia benedetto." Und mit diesen Worten ging sie davon und ließ Montagna mit ihren Sorgen ganz allein.
  Leone war die Vernünftigere von den Beiden. Sie konnte klarer denken als andere und war somit immer im Vorteil. Die Schule hatte sie bereits mit  süßen fünfzehn Jahren beendet, während Montagna sich ganze sechzehn Jahre durchquälte. Es wurde viel über das Wohl von Mela gesprochen und manchmal bekam Montagna das Gefühl, dass Padrona sich einfach zurücklehnte und ihren Töchtern dabei lauschte, wie sie über friedliches Zusammenleben und unreife Äpfel sprachen.
  Für wen hielt diese Frau sich eigentlich? Montagna setzte sich an den Teich namens Dea amata, der der Göttin gewidmet war, und überlegte fieberhaft, wie sie ihre Energie schnell wieder aufladen konnte. Sie musste wissen, wann der Sturm eintraf und ob er den Meli schaden würde. Die heiligen Apfelbäume Melis galten als Symbol der Göttin. Der Apfel stand für das Leben und gab den Melianern Kraft und Energie. Niemand wagte es, auch nur einen Apfel anzurühren, geschweige denn zu essen. Montagna würde dieses Tabu auch nicht brechen, nicht einmal, um ihr Land zu schützen. Das würde niemand.
  Montagna fuhr mit den Händen durch das Wasser und zuckte zusammen. Es gab gewollte Visionen, die sie mit purer Absicht hervorrief. Eine anstrengende Sache. Doch es gab auch ungewollte und so eine durchströmte sie gerade. Sie hielt den Atem an und versuchte sich vollkommen auf die Vision zu konzentrieren. Diese ungewollten waren immer so stark, dass sie ihr die ganze Energie aussogen.
  „Ein Mädchen“, flüsterte Montagna vor sich hin. „Sie lacht. Ein Junge. Er küsst sie.“ Dann stockte sie. Plötzlich sah sie Mela, wie es zusammenbrach. Montagna presste sich die Hände an die Schläfen. Ihre geliebte Heimat durfte nicht zusammenbrechen! Die Göttin- sie sah die Göttin schreien und in Luft auflösen.
  Der Anblick verwirrte sie. Dea schrie nicht. Sie schrie nicht! Verdammt, was war hier los? Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Als die Vision vorbei war, sackte Montagna kraftlos auf dem Boden zusammen.




1


Ganz langsam stieg ich die Treppen runter und achtete darauf, auf ja nichts draufzutreten. Es herrschte eine unbehagliche Stille. Lias hinter mir, konnte sich leider erschreckend leise bewegen.
  „Wo ist es?“ Er tippte mir auf die Schulter. Ich zuckte mit den Achseln. „Es kann nicht mehr weit sein. Irgendwo halt.“
  Ich hatte keine Ahnung, was ich hier tat. Ich wollte ihm eigentlich nur eine eigenartige Ruine zeigen. Und eine Statue.
  „Pass auf, Phely!“ Er griff mir plötzlich an die Schulter und brachte mich zum Stehen.
„Hast du ein Problem?“, fragte ich genervt. Er, als mein Bruder, war mal wieder viel zu übervorsichtig.
  Seit den Kriegen konnte man an fast jeder Ecke eine Bombe finden, die nicht explodiert war.
In unserem Dorf, Pirum genannt, wohnte hinter jeder 1,2354ten Tür ein freundlicher Mensch, der dich sofort hineinbat, wenn du Hilfe benötigtest.
   Ich hatte es ausgerechnet. Dieser Kontinent war nach der Kriegsgöttin Gloria benannt. Einst hatte er Nordamerika geheißen, was ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Welche Göttin hieß denn bitte Nordamerika? Die Menschen waren unvorsichtig und dumm gewesen. Sie sorgten nicht für ihre Mitmenschen, ob nun auf Dea oder Sancta. Die Kontinente mussten zusammenhalten. Sonst würde die Welt wieder untergehen und wieder und wieder.
  „Könntest du mir vielleicht einmal zuhören?“ Lias zog mich an sich. Ich hielt den Atem an.
„Phelyschia“, sprach er meinen Namen aus. Ihm war klar, dass ich nicht gerne Phely genannt wurde. Ich liebte meinen ganzen Namen. Ich war die einzige in diesem Land, auf dem ganzen Kontinent, vielleicht auf der ganzen Welt, die so hieß.
  Der Name Lias war hier weit verbreitet. So viele Namen waren weit verbreitet. Nur meiner nicht.
„Ich möchte, dass du mir zuhörst. Es gibt hier eine Menge Fallen und Bomben, wie es aussieht. Und wenn du in Gedanken vertieft bist, kann es schnell passieren, dass du in eine reintrittst, verstehst du meine Sorge?“
  Er sprach mit mir, wie mit einem kleinen Kind.
„Wenn wir demnächst nach … Dea reisen, werden wir mit noch mehr Fallen rechnen müssen.“
  Den Namen der Göttin sprach er voller Ehrfurcht aus. Ich nickte leicht. Wir hatten vor, mit unseren Eltern zwei Monate nach Dea, Mela zu reisen. Dea hatte früher Europa geheißen. Wir hörten in der Schule, dass dieser Name irgendwas mit der griechischen Mythologie zu tun hatte. Eine Göttin war Europa jedoch nicht gewesen.
  „Hör mal, Tello. Ich weiß, du machst dir nur Sorgen um mich, aber das nervt echt. Ich kann auch auf mich selbst aufpassen. Dafür brauche ich keinen großen Bruder. Wollt’s nur mal gesagt haben, Capito? Fai schifo.“
  Jetzt beleidigte ich ihn schon. Wo sollte das bloß alles enden? Er lächelte traurig. „Es wird nicht wieder vorkommen.“
Lias tat mir leid. Er wollte doch nur den verantwortlichen Bruder spielen. Das wollte jeder Junge in Pirum, wenn nicht sogar in ganz Gloria. Die eigene Schwester beschützen.
  Ich lief weiter. Zügiger als vorher und trat auch direkt auf einen Ast, der zur Seite rollte und mich hinstürzen ließ. Lias fing mich auf.
  „Danke“, murmelte ich und befreite mich aus seinen Armen. Diese Nähe war ungewohnt und kribbelte in meinem Inneren. Ich wollte sie nicht.
  „Keine Ursache.“
Ich wollte eine kleine Pause einlege, nach geschlagenen 10 Minuten laufen.
  Leider gefiel meinem Bruder die Idee gar nicht. „Was hast du denn im Sportunterricht gelernt, dass du jetzt schon nicht mehr kannst?“
  Ich zuckte mit den Achseln. „Ich hatte keinen Sportunterricht. Habe ihn abgewählt. Mutter wollte auch nicht, dass ich dort hingehe. Zu viele Gefahren, meinte sie.“
  Lias hatte vier Jahre lang Sportunterricht gemacht. Jungen waren dazu verpflichtet. Jedenfalls hier in Gloria.
Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob er wohl eine Freundin hatte. Lias war stark, groß, gutaussehend und mutig. Wo blieben die Mädchen, die ihn hätten anhimmeln müssen? Was hatte er getan, damit es sie nicht gab?
  Ich seufzte. „Sie ist sehr vorsichtig. Ich bin ihre einzige Tochter.“
„Und ich bin ihr einziger Sohn.“ Ich hörte die Enttäuschung in seiner Stimme und nahm seine Hand.
   „Ja, aber sie hat bereits eine Tochter verloren. Sie hat ihre Eltern und ihren Mann verloren. Was glaubst du, wofür sie das alles noch macht? Sie will, dass es uns gut geht. Ich fürchte mich vor Enttäuschung.“, gab ich zu. Lias legte mir sanft eine Hand an die Wange. „Hab keine Angst.“
Ich schloss die Augen.
  Mutter schrie uns an, wenn wir uns zu nahe kamen. Er musste mich auch nur berühren und sie brach in Tränen aus. Es war zum Verrücktwerden.
Unsere Verbindung verstärkte sich durch diese Ausbrüche noch mal um ein Vielfaches.
  „Wovor fürchtest du dich, Lias?“, fragte ich und zupfte an meinem Kleid herum. Mutter hatte es nicht gern, wenn ich meinen Bruder Lias nannte. Sie verlangte, dass ich ihn Tello rief, wie es andere Mädchen auch machten.
Und sie hasste es, wenn er mich Phely nannte, mehr als ich es tat. Er durfte mich in ihrer Gegenwart nur mit Sorella ansprechen.
  „Ich fürchte mich davor, dich zu verlieren. Oder dass dir was zustößt.“ Seine Miene war ausdruckslos. Der Blick starr in die Ferne gerichtet.
„Du musst dich nicht so um mich sorgen. Ich kann auf mich aufpassen.“ Diesen Satz wiederholte ich täglich sicher dreimal. „Da ist er!“, rief ich plötzlich ganz aufgeregt. Die Rede war von einem Tempel der Göttin Dea.
  „Das ist er?“ Lias Augen weiteten sich. Ich nickte energisch.
„Ist er nicht … schön?“ Ich griff nach seiner Hand und zog ihn weiter. Sie fühlte sich warm und sanft an. Seine Finger schlossen sich um meine.
  „Dea ist so wunderschön. Genau wie du.“






2

Montagna wachte an genau derselben Stelle auf, an der sie auch ohnmächtig geworden war.
  Irritiert rappelte sie sich auf. Sie war müde und hatte kaum Kraft in den Knochen.
Langsam trottete sie durch den Wald zurück zur Burg ihrer Mutter.
  Es raschelte, als Montagnas Füße über das Laub strichen.
Es machte den Boden zu einem Kunstwerk. Rot legte sich über Orange. Gold legte sich über Rot. Die schönsten Farben leuchteten Montagna entgegen.
  Weitere Blätter segelten durch die Luft, streiften ihre Wange und landeten in ihrer geöffneten Hand.

Die Regeln in Mela waren streng. Sehr streng. Montagna hatte pünktlich im großen Saal zu sein. Ihre Schlafenszeit war festgelegt. Alles wurde festgelegt. Als Principessa gab es Pflichten, die sie nicht vernachlässigen durfte.
  Leone hatte schon genug zu tun.
Luna erwachte bereits, als Montagna die Burg betrat. Die Dunkelheit brach herein und zog all ihre düsteren Geschöpfe mit sich. Montagna wollte gar nicht wissen, was das so alles für Kreaturen waren. Zum Teil Tiere. Ganz normale Wölfe, Bären und Wildkatzen. Es gab allerdings auch falsche Monster, zu denen man Vampire, Dämonen, Hexen und Male zählten. Hexen und Vampire gab es schon seit Generationen. Wahrscheinlich schon seit der Wandlung. Doch Dämonen und Male trieben erst seit ein paar Jahren durch Dea. Was hatte sich die Göttin bloß dabei gedacht, solche Geschöpfe zu erschaffen?
  Montagna zweifelte nicht an ihrer Tat- nein, die Göttin wusste, was sie tat. Montagna zweifelte daran, ob es wirklich so sinnvoll war, Menschen mit Dämonen und Male zu kreuzen.
  Einer Legende zufolge stammten die Padrona von den Hexen ab. Die Male kamen von den Menschen. Sie hatten sich im Laufe der Zeit zu hässlichen Dreibeinern entwickelt. Mit zwei blinden Augen und Ohren, schlechter als taube Menschen sie hatten. Das komplette Gegenteil eines Vampirs also.
  Es machte nichts aus. Montagna verabscheute alles, was nicht menschlich war.
Ihre Zofe wartete bereits mit einem heißen Bad auf die Principessa. Montagna ließ sich von ihr ausziehen und ein Buch bringen.
  „Wie geht es unser kleinen Principessina heute?“, fragte Padrona und trat einfach in das Bad. Doch dann schlug ihre Miene in Misstrauen um. „Wo warst du den ganzen Tag über?“ Ihr strenger Ausdruck verlieh der Herrin von Mela eine gewisse Schärfe. Mit zu viel Pfeffer.
  Alle Principesse in Dea, Gloria und Sancta wurden bedient. Nicht nach Herzenslust. Es gab strenge Regeln.
Montagna hatte zu gehorchen, wenn sie nicht bestraft werden wollte. Der Rat konnte wirksame Foltermethoden anwenden. Es war furchtbar und so menschenfeindlich! Damit konnte Dea nicht einverstanden sein.
  Die junge Principessa antwortete ihrer Mutter nicht und schlug das Buch auf. Es war ein altes Exemplar, noch aus der Zeit der Wandlung. Solche Bücher gab es heutzutage sehr selten. Montagna atmete den Duft des feinen Papiers ein. Es gab nichts, dass sie lieber tat als lesen. Bücher gehörten zu ihrem Leben und ohne sie, kam sich das Mädchen nicht komplett vor.
  „Du antwortest der Padrona gefälligst!“, zischte ihre Mutter unter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Montagna kümmerte sich nicht um den Zorn ihrer Mutter. Sie versank in die Welt der Computer, Telefone und seltsamen Fotoapparate.
  Padrona schlug mit der Hand auf den Wannenrand. Das löste eine Welle aus, die auf den Boden platschte.
Verdattert saß Montagna weiterhin in der nun leeren Badewanne. Doch Padrona war noch nicht fertig. Sie hob ihre Hände und sog das Wasser sozusagen auf. Mit einer geschickten Handbewegung landete es im Waschbecken. Weg.
  „Mutter!“, schrie Montagna entsetzt. „Du hast Magie angewendet! Du kannst zaubern!“ Sie war so erschrocken, dass sie vergaß, ihre Mutter weiterhin zu ignorieren.
  „Du bist eine Hexe!“ Sie sprang aus der Wanne, griff nach dem nächstbesten Mantel und zeigte anklagend mit dem Finger auf ihre Mutter.
Padrona wurde puterrot vor Wut. Sie wirbelte die Tücher und Mäntel quer durch den Raum. Dabei begann sie zu schimmern. Die Konturen ihres perfekten Körpers verschwammen und wurde unklar. Es war, als wäre ein Nebel aufgezogen.
  In diesem Moment platzte Leone in den Raum. „Ich spürte unreine Gedanken.“, meinte diese und lächelte entschuldigend und eiskalt. Leone besaß eine Gehässigkeit, die Montagna gefiel. Sie kam ganz nach ihrer Schwester. Leone war die Jüngere. Der Löwe. Die Leonessa.
  Wo blieb der Zusammenhalt in dieser Familie? In Gloria, Sancta, Dea. Überall gab es ihn. Nur in dieser adligen Hexenfamilie nicht.
  Padrona ließ grummelnd die Hände sinken, was Montagna sichtlich beruhigte.
„Wir wollen hier doch keinen Streit!“, rief Leone säuerlich und hob die Tücher auf. Man musste etwas an sich haben, um dieser kleinen Hexe zu gefallen. Sie war Padronas Nachfolgerin. Jedenfalls bald. Montagna würde für immer und ewig bloß eine jämmerliche Principessa bleiben. Niemals die Kunst der schwarzen Magie beherrschen. Oder generell Magie.
  Leone wurde schon jetzt zu einer vernünftigen Hexe ausgebildet. So Einiges konnte das Mädchen bereits.
Nur Montagna blieb die Visionärin in diesem Land, auf dem ganzen Kontinent.
  Wütend über ihr abgebrochenes Bad mit Entspannung exklusive, zischte Montagna aus dem Raum durch die Burg in ihre Gemächer.
  Bevor sie zu Bett ging, machte sie die üblichen Dehnungs- und Muskelübungen, die man ihr vorschrieb. Alles bloß zu ihrer Gesundheit.
  Der Rat – und außerdem die ganze Welt – wollte, dass sie schlank blieb, einen perfekten Körper hatte. Dafür musste sie täglich auf ihre Nahrung achten, die üblichen Sporteinheiten machen und vier Stunden schlafen.
  Mehr bekam sie nicht. Es war eine Qual jeden Morgen noch vor dem Erwachen der Sole aufzustehen und sich die feinsten Kleider anzuziehen.
 
Am nächsten Morgen fühlte sie sich ausgelaugt, zerstört. Höllische Kopfschmerzen machten ihr das Aufstehen noch schlimmer als es eh schon war. Ja und?, fragte Montagna sich. Es ist jeden Morgen so. Du solltest froh darüber sein, dass du nicht noch früher aufstehen musst. Dabei blieb es dann.
  Es gab noch eine Menge zu tun. Montagna hatte zwei Stunden Zeit, einen Spaziergang zu machen. Danach ging es zum Frühstück.
  Wie üblich nahm sie den Weg durch den Wald. Im Herbst fielen die Blätter. Es war der schönste Anblick, den es gab, fand Montagna.
  Nach etwa 20 Minuten begegnete sie ihrem treuen Freund Duilio, den sie lieber Dilo nannte als Amico. Dafür durfte er sie Tagna rufen.
  „Bella! Welch Überraschung, dich hier anzutreffen.“
Sofort musste Montagna lächeln. Bella war der wunderschönste Spitzname, den sie kannte und es rührte sie jedes Mal, wenn Dilo sie so nannte.
  „Dein Lächeln, ist das Schönste unter allen.“, meinte er lieblich und nahm ihre Hand.
Sie war nicht seine Amore, nicht im Entferntesten. Sie war seine beste Freundin und mehr als das.
Dilo war etwas Schönes in ihrem Leben. Ein Feuer, von Leidenschaft, dass in ihr loderte und den langweiligen melianischen Alltag zu etwas Wunderbarem machte.
  „Bella, du strahlst heute besonders stark. Gefällt mir.“
Sie mochte es, dass Dilo so einfach mit ihr reden konnte und anscheinend gar nicht daran dachte, dass sie die Principessa der Herrin war. Er behandelte sie, wie alle anderen auch. Das war bei zwei Schwestern und einem Bruder auch nicht schwer. Er konnte sich mit Mutter und Vater zufrieden stellen. Montagna musste sich mit Padrona abgeben. An ihren Vater Corvino konnte sie sich nicht erinnern. Kein bisschen.
  „Ein Rennen gefällig?“, fragte Dilo heiter. Das konnte Tagna nicht abschlagen und so nickte sie bloß und rannte direkt los.
  Das Mädchen konnte schnell rennen. Sehr schnell! Als Tochter der Padrona besaß sie nicht nur die Fähigkeit eines Visionärs, sondern auch noch messerscharfe Augen, einen Geruchssinn, feiner als ein Male ihn hatte und Ohren, so feinfühlig …
  Dann waren da ja noch ihre Reflexe und die Schnelligkeit, mit der sie ihre Bewegungen ausführen konnte.
Dilo konnte jedoch auch sehr schnell rennen. Nur mit Tagna hielt er nicht mit. Sonst schlug er jeden, der ihm in die Quere kam.
  Schon nach 30 Metern war klar, wer gewinnen würde.
„Na gut, du hast gewonnen.“ Er schlug sie ab.
Tagna gab ihm einen Kuss auf die Wange und sah ihm tief in die Augen. Sie prustete los. „Eigentlich wollte ich dich gewinnen lassen. Ich kann noch schneller.“
  Dilo lächelte. „Du bist so wunderschön, Bella.“ Er strich über ihre Wange. Tagna wurde rot.
Sie stupste ihn in die Seite um ihre Verlegenheit zu überspielen.
  „Ich meine es ernst.“, beharrte Dilo. „Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde.“
Dilo war einer der >Sklaven< in Mela. Tagna hatte sich nur mit ihm angefreundet, weil er ihr leidgetan hatte.
  Um ihn zu befreien, legte sie ein gutes Wort beim Rat ein und versprach, auf ihn aufzupassen und für ihn dazusein.
  Männer wurden in Mela streng überwacht. Sie hatten genaue Tagespläne, an die sie sich halten mussten. Tagna seufzte. „Ich wüsste auch nicht, was ich ohne dich machen sollte. Du bist der beste Freund, den ich je hatte. Ein Mann wie du, ist unersetzlich.“
  Das munterte ihn auf. Er nahm ihre Hand und küsste sie auf den Handrücken.
„Es ist mir eine Ehre, Mylady.“
„Ich nehme noch einen Weg über den Berg. Tut mir leid, aber da brauche ich Ruhe. Vorschrift sind eine Stunde Ruhe am Tag, ohne die Gesellschaft eines Anderen.“
  Man konnte ihr die Enttäuschung ansehen.
„Dann trennen wir uns wohl hier wieder. Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen.“ Zum Abschied nahm er sie noch einmal kurz in den Arm.
  In seiner Gegenwart war Tagna so anders. Sie musste nicht so fein und perfekt tun. Sie konnte einfach Tagna sein.
  Nicht Principessa Montagna von Mela.

Wenn man weiter durch den Wald lief, traf man auf einen Fluss, der sich über den Berg schlängelte. Jedenfalls vom Berg. Tagna nahm diesen Weg gerne. Er bot viel schöne Aussicht und eine Menge frische Luft.
  In der Nähe eines Wasserfalls legte sie eine Pause ein.
„Ist das wirklich die Principessa?“, fragte eine feine Stimme. Tagna erstarrte und fühlte den eiskalten Blick auf ihren Schultern. Ruckartig drehte sie sich um. Dort war niemand.
  Wer hatte dann gesprochen? Oder bloß eine Einbildung? Sie drehte sich wieder zurück und schrie auf, als die Gestalt direkt vor ihr stand.
  Tagna galt als sehr mutig und kriegerisch, doch genau das Gegenteil war der Fall. In ihrer Angst wagte sie es nicht, zu sprechen.
  Der Mann vor ihr schnalzte geräuschvoll mit der Zunge. Es handelte sich um einen großen Vampir. Diese Geschöpfe konnten einen mit einem Fingerschnippen verführen, so imposant und schön waren sie.
  „Es ist mir eine Ehre.“ Der Vampir streckte die Hand aus. Tagna schüttelte sie wortlos. Hart und eiskalt. Man tat wohl lieber, was Vampire von einem verlangten.
  „Oh, fürchten Sie sich nicht. Ich bin nicht im Begriff, einer Principessa wie Ihnen etwas zu Leide zu tun. Das würde auffallen. Ich hörte, Ihre Mutter sei die mächtige Hexe Padrona.“
  Das war etwas Furchtbares an Vampiren. Sie bekamen alles mit und selbst die männlichen Gestalten von ihnen durften sich in der Öffentlichkeit rumtreiben. Es tat niemand etwas dagegen.
Tagna räusperte sich und hob die Brust. „Ja, das stimmt. Ihre Hexkräfte sind sehr … mächtig.“ Es war wirklich einfallslos, dass sie dem Vampir einfach alles nachplapperte, das war ihr bewusst.
  Der Vampir lächelte und entblößte eine Reihe messerscharfer, weißer Zähne.
Tagna schauderte. Er würde ihr doch hoffentlich nichts tun. Einem Vampir war nicht zu trauen.
  „Montagna, nicht wahr?“ Seine eiskalten Finger spannten sich an. Er wartete ihre Antwort ab.
Tagna nickte. „Ja, das bin ich. Und Sie sind …?“
„Gian. Ich hätte mir niemals erträumen lassen, dass ich Sie einmal persönlich treffe.“ Er lächelte höflich, doch seine Augen richteten sich auf ihren Hals.
  Tagna legte beiläufig das Haar über die Schultern, um den Geruch leicht zu verdecken.
„Ich habe auch noch nie mit einem Vampir gesprochen.“, sagte sie es so ganz offen und schamlos. Gian lächelte.
„Die Principesse werden wohl sehr streng bewacht. Sie wollen ja nicht, dass Ihnen etwas zustößt. Dafür könnten Sie andere sättigten.“
  „Das bezweifele ich. Ich schmecke sicher nicht gut.“, gab Tagna zu bedenken.
„Oh, glauben Sie mir- Sie schmecken sicher vorzüglich. Wir nennen es, den Kuss einer Hexe.“
  Das brachte sie völlig aus der Fassung. Jeder, wirklich jeder sah alles immer falsch!
  Wütend ballte sie die Fäuste und trat einen Schritt nach vorne. „Ich bin aber keine Hexe! Ich bin eine stinknormale Visionärin. Und zwar eine, die es ziemlich eilig hat, weil sie sonst ziemlichen Ärger bekommt.
Hat mich sehr gefreut, mit Ihnen Bekanntschaft zu machen … Gian“ Sie wollte weitergehen, doch der Vampir packte sie am Arm. Er war so viel stärker als sie.
  „Bitte … lassen Sie mich los.“, flehte Tagna. Einen schlechtgelaunten Vampir konnte sie gar nicht gebrauchen.
  Er lockerte seinen Griff nicht.
„Ich würde Sie gerne begleiten. Der Alltag einer Principessa scheint mir sehr interessant. Es wäre nicht sehr klug von Ihnen, wenn Sie mein Angebot ausschlagen. Nur eine kleine Warnung.“
  Völlig Perplex starrte Tagna ihn an und zeigte dann auf ihren Arm. Er sollte sich lieber gut überlegen, ob es so schlau war, eine Principessa aufzuhalten.
Ihm musste doch bewusst sein, was Tagna alles bewirken konnte, indem sie ihre Mutter weich klopfte.
  Was er gerade tat, war dumm. Sehr dumm und leichtsinnig.
„Ich sage es Ihnen ein letztes Mal. Lassen Sie mich los.“
  Der Vampir gehorchte stets noch nicht. Seine Finger wollten sich einfach nicht lockern.
Tagna wartete geduldig ab.
  „Es geht um Ihren Vater.“, meinte Gian leise. So leise, dass Tagna es nur knapp verstehen konnte.
„Corvino?“, fragte sie wimmernd, während sie in Gedanken nur so flehte. Bitte tu mir nichts!
  Und plötzlich wünschte sie sich Padrona herbei. Ihre Mutter hätte eine Auseinandersetzung verhindert, den Vampir entweder weggescheucht oder gefangengenommen und wäre mit Tagna sicher zurück zur Burg gekehrt.
  „Ich will Ihnen wirklich keine Angst machen. Bitte entspannen Sie sich doch.“
Wenigstens bleibt er höflich, dachte Tagna und weitete die Augen.
  Sie konnte aber auch nichts Anderes erwarten. Zu einer 27jährigen Halbhexe, Visionärin und Principessa der Herrin war man ehrfürchtig und nett.
Es wunderte sie, dass er sich nicht schon längst in das wunderschöne Mädchen mit den schwarzen Haaren verliebt hatte. Es gab nur sehr wenige Mädchen in Mela mit schwarzem Haar und Augen, die rot wurden, wenn sie wütend wurde. Normal waren sie grün.
  Ebenfalls seltsam.
Gian hob leicht die linke Hand. Es hatte nichts Bedrohliches an sich, doch Tagna fürchtete sich vor allem, was er machte.
„Ich kannte ihn. Corvino. Er befasste sich stark mit der schwarzen Magie und als er … Ihre Mutter fand, war er hin und weg. Sie war perfekt für seine Zwecke. Ein Kind mit ihr, wäre mächtig, sehr mächtig gewesen. Nach der Wandlung wurden die Männer gefangen genommen. Das wissen Sie sicherlich. Glauben Sie aber wirklich, dass das auf der ganzen Welt so war? Gloria und Sancta? Sie täuschen sich. Auf beiden Kontinenten leben die Männer frei. Es gibt dort große Familien. Gloria bedeckt den Ort, an dem früher Amerika bestand. Sancta war einst Afrika und Dea ist Europa, wie Sie sicher wissen. Die restlichen Orte … sind unbewohnt. Jedenfalls glauben die Menschen das. Es ist natürlich nicht so. Es wimmelt dort von den verschiedensten Kreaturen. Nicht nur Vampiren, Male, Dämonen und Hexen. Es gibt dort noch viel schlimmere Monster. Wir nennen diese Plätze gerne Tenebrae. Audiatur et altera pars !  Menschen sind nicht besser als wir, doch das wissen Sie sicher zu gut. Montagna, Sie sind kein normaler Mensch. Das ist meine Ansicht und ich bin mir sicher, dass ich Recht behalte.“
 „Suum cuique.“, murmelte Tagna und wandte den Kopf ab.
Gian schien verwirrt. Er schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. Sie legte sich nicht in Falten. Kein bisschen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie Latein sprechen können. Sie wissen also, wie man andere Sprachen spricht. Nun, Italienisch stammt von Latein ab. Es ist keine große Kunst, beides zu beherrschen. Was können Sie denn noch so?“
  „Scientia potentia est. Mit Ihnen werde ich mein Wissen sicherlich nicht teilen. Sie haben genug Macht.“, spuckte Tagna die Worte aus und genoss das Gefühl, das sich in ihr ausbreitete. Pure Zufriedenheit mit sich selber. Sie sprach Latein, Französisch, Deutsch, Italienisch(jedenfalls die Form davon, die man heute sprach) und selbst ein wenig Englisch. Zum Großteil ausgestorbene Sprachen.
  Nach allem, was Tagna im Geschichtsunterricht gelernt hatte, lebten die Menschen früher in einigen Ländern halbwegs friedlich. Der dritte Weltkrieg hatte zu dem Zeitpunkt alles geändert. Heute wurde er nur noch die Wandlung genannt.
 
Zwei Jahre, die unsere Welt zu einem besseren Ort machten. Zwei Jahre, die uns allen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn wir daran denken. Die Männer sind böse. Sie sind Schuld. Sie sind an allem Schuld.

Das hatte Tagna einmal in einem Buch gelesen. Ein Buch über das Leben. Am Ende hatte sich allerdings herausgestellt, dass es in diesem Buch eher um Männerfeindlichkeit ging, statt um das Leben.
  Enttäuscht hatte Tagna es ihrer Mutter zurückgegeben, die es ihr zwei Tage zuvor geschenkt hatte.
„Wir denken falsch. Die Männer sind nicht an allem Schuld. Das können sie gar nicht. Wir haben sie gefangen genommen. Denk doch mal an Duilio. Ist er böse oder Frauenfeindlich oder irgendwas? Er ist mein bester Freund. Nichts weiter.“ Dabei hatte sie es belassen und war zurück in ihre Gemächer gekehrt.
  Gian blickte sie schief an. „Nun, das ist Ihre Entscheidung. Folgen Sie mir bitte.“ Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern zog sie einfach hinter ihr her. Wie lächerlich die Vorstellung doch war, dass sich die Tochter der Padrona von einem Vampir herumkommandieren ließ.
  Auf dem Weg irgendwohin – Tagna war sich nicht sicher, wo Gian hinwollte – murmelte der Vampir die ganze Zeit über so etwas wie: „Omnia tempus habent.
  In Gedanken verfluchte sie das Latein und den Vampir gleich dazu.
„Genug Latein für heute.“, meinte sie und knurrte leise.
Gian schnaubte, doch er hörte nicht auf, zu murmeln. Drosselte nicht einmal das Tempo.
  Tagna überlegte lange, ihm die Worte >Ich hasse Sie< ins Gesicht zu spucken, doch wie würde Gian reagieren. Aber nein- Sie war die Principessa! sie durfte sagen, was sie wollte. Das hatte Padrona ihr zigmal erklärt und wiederholte es gerne.
  Andererseits- der Mann vor ihr war ein Vampir. Er konnte sie auf der Stelle töten.
„Am besten tun Sie wohl, was ich Ihnen sage. Die kleine Leonessa würde sonst dafür büßen müssen und das wollen Sie doch nicht, oder? Ihre kleine Schwester, gefoltert und getötet.“
  Tagna verkrampfte mich. Gian konnte nichts Gutes im Schilde führen. Und schon dachte sie wieder an die Zeit vor der Wandlung. >Nichts Gutes im Schilde führen< war eine Redewendung aus einer gewissen Zeit namens Mittelalter. Tagna lebte in der Zukunft. Das war lächerlich. Früher hatten die Menschen dieses Wort für einen gewissen Zeitraum verwendet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und dann noch etwas genauer mit lateinischen Wörtern und allem Drum und Dran.
  Tagna konnte sich Stunden damit beschäftigen. Mit diesen Gedanken über die Zeit vor der Wandlung. Sie war so viel interessanter als die Zukunft. Ein anderer Fachausdruck oder so ähnlich – Tagna war keine Spezialistin in diesem Gebiet. Sie kannte sich nur gut aus – für die Vorwandlungszeit war Neuzeit. Die genaue Reihenfolge war also Altertum, Mittelalter, Neuzeit und Zukunft. Das konnte Tagna sich gut merken. Andauernd klappte sie ihre Geschichtsbücher auf und las sie wieder und wieder komplett durch.
  „Wenn Sie ihr auch nur ein Haar krümmen …“, drohte Tagna und zog an ihrem Arm.
Der Vampir wollte einfach nicht nachgeben.
  Verzweifelt ließ sie die Schultern hängen. Was bildete sich dieser Gian eigentlich ein? Einer Principessa konnte man als normaler Vampir nichts vorschreiben.
  „Ich sage es nun zum letzten mal. Lassen Sie mich los!“ Tagna betonte jedes einzelne Wort. Ihr Atem ging schnell.
„Na gut. Aber ich warne Sie- wagen Sie es bloß nicht, wegzurennen. Ich bin schneller.“
  Ha! So einem Bastard würde Tagna nicht gehorchen. Gian ließ sie los. Sofort schnellte sie los, flitzte den Berg hinunter, zurück in den Wald. Dort raste sie geradewegs in Dilo rein, prallte auf den Boden und rieb sich den Arm.
  Besorgt beugte er sich über sie. „Bella, alles in Ordnung?“ Seine Finger huschten über ihre Wange und hinterließen einen warmen Fleck. Vorsichtig stützte sich Tagna auf den Händen ab und stand auf.
  Blätter segelten durch die Luft, streiften ihr Haar und schmiegten sich an ihren Rücken.
Sie schmiegte sich an Dilo, so fest sie konnte. Die Wärme die er ausstrahlte … so verlockend.
  Mit zitternden Händen öffnete sie seinen Mantel und schloss sich selbst mit ein.
„Liebst du mich?“, fragte Dilo leise.
  Tagna stockte der Atem. Das fragte er sie andauernd, doch jedes Mal war sie zu erschrocken, um antworten zu können.
„Du kannst nicht immer schweigen, Amico. Sag mir bitte, was du für mich empfindest.“ Er nahm ihr Gesicht in die Hände und strich mit dem linken Daumen an ihrem Kinn entlang.
  Dilo hatte recht. Er wusste nicht, was Tagna für ihn empfand. Wie auch? Sie wusste es ja selber nicht.
„Ich empfinde das, was die Mutter einer Filia für das Leben hinter den Wolken gegeben hätte, wenn sie ihre Tochter dafür an den Diabolus geben müsste.“




3

Die Statue der Dea erhob sich kunstvoll in die Höhe und riss alle Blicke auf sich. In diesem Fall bloß zwei. Lias’ und meinen.
  Ich trat einen Schritt vor, um die makellose Gestalt der Dea zu berühren. Gesegnet seien diejenigen, die die Göttin berührten.
„Lass uns beten.“, forderte ich Lias auf. Schweigend hockten wir uns vor die Statue.
Heutzutage betete man in einzelnen Wörtern.
Lias.
  Mehr betete ich heute nicht.
Dafür hockte Lias geschlagene 30 Minuten da. Die Augen geschlossen. Die Hände formten eine Schale. In dieser Schale befand sich normalerweise ein Apfel. Doch ganz ehrlich- wer dachte schon an Äpfel, wenn man einen Tempel besuchte, um zu beten?
  Ja klar, jeder halbwegs vernünftige Mensch. Jeder außer Lias und ich.
Wir waren halt anders als die Anderen.
Wir hätten theoretisch auch joggen können. Theoretisch. Ich war unsportlicher als eine Banane mit Beinen. Okay, dummer Vergleich.
  Und ich wusste, dass ich nicht die Schlankste war und mir ein klitzekleines bisschen weniger auf den Hüften gut getan hätte, aber das Problem war halt … ich bin einer der faulsten Menschen überhaupt. Stellt euch jetzt bloß keine fette alte Tante vor, die nur noch am Tisch hockt und Dolci isst. Nein, so jemand war ich ganz sicher nicht. Ich trieb halt einfach nicht gerne Sport. Solange meine Kleider nicht fast explodierten, hatte ich auch nicht vor, das zu ändern.
  Außerdem war ich da längst nicht die Einzige. In Dea gab es superschlanke Frauen und Mädchen. Sie sahen fast alle gleich aus. Blondes Haar(Und das auch noch in ganz Dea),  blauen Augen, perfekte Proportionen und heller Haut. Sie unterschieden sich kaum von uns Glorianern. Halt nur, was die Figuren bertraf. Da stach ich mit meinen braunen Augen und knallroten Haaren natürlich aus der Masse hervor. Die Haarfarbe hatte ich von meinem Vater geerbt.
  Ja, Männern steht rot echt nicht. Das sieht vollkommen eigenartig aus, dennoch bin ich stolz darauf, etwas von ihm zu haben. Unsere kleine Schwester Benevolenza starb vor drei Jahren. Sie hatte die blonden Haare und blauen Augen von Mutter geerbt. Wir waren nie über ihren Tod hinweggekommen. Keineswegs.
  Abends dachte ich an sie mit Tränen in die Augen.
Ihr Tod war auch der Grund dafür, weshalb ich am liebsten alle Hexen sofort umgebracht hätte.
 Sie wurde von einer ermordet. Einem Hexer.
Es war der schlimmste Tag meines Lebens gewesen.

  Am Morgen dieses Tages frühstückten wir als Familie. Vater, Mutter, meine Geschwister und ich. Wir saßen ganz gewöhnlich dort und ahnten von alldem noch nichts, was Lenzi heute zustoßen würde. Die Gute war damals acht Jahre alt gewesen.
  Ich gab jedem flüchtig einen Abschiedskuss und machte mich auf in die Schule. Lias durfte sich heute ungerechterweise frei nehmen und hockte den ganzen Tag gemütlich im Haus und langweilte sich. Ich war schon auf dem Weg, als Lenzi mich einholte und sich an mich klammerte.
   „Du vergaßt dein Essen.“ Sie reichte mir ein kleines Döschen.
Ich lächelte und drückte sie ganz fest. „Danke, Süße. Am besten nimmst du die Abkürzung durch den Wald zurück. Dann bist du deutlich schneller wieder zuhause.“
  Sie strahlte und rannte direkt wieder zurück.
Mir stand ein öder Schultag bevor, der sich ewig zog und mich erst nach Anbruch der Dunkelheit befreite.
Zuhause begegnete ich meiner weinenden Mutter und Lias, der sie tröstete.
  „Was ist geschehen?“, fragte ich vorsichtig und setzte mich neben die Beiden. Zur Antwort hob Mutter einfach einen Stofffetzen. Erst nach genauerem Hinsehen erkannte ich die weißen Rüschen und zarten Blumenmuster.
  Der Stofffetzen war einmal Lenzis Seidenkleid gewesen. Nun voller Blut beschmiert und zerrissen.
Ich nahm ihn ihr aus der Hand. Auf dem linken Ärmel stand in winzigen, feinen Buchstaben etwas geschrieben: Das Leben ist hart. Das nächste mal schicken sie ihre Mädchen wohl besser nicht durch den Wald. In diesem Moment begriff ich.
   Lenzi wurde … ermordet.
Und es war meine Schuld. Ich hatte ihr gesagt, sie solle doch die Abkürzung durch den Wald nehmen.
Die nächsten zwei Wochen tat ich nichts Anderes mehr als weinen. Ich magerte ab. Aß kaum etwas.
 
„Ist was, Phely?“, fragte Lias mich. Ich schüttelte benommen den Kopf. Erinnerungen an Benevolenza benebelten meine Gedanken. Am liebsten hätte ich jedem Hexer und jeder Hexe den Kopf abgeschlagen und sie allesamt verbrannt!
  Wir trotteten zurück nach hause. Mutter erwartete uns bereits und stellte direkt zwei Schüsseln mit der köstlichsten Kartoffelsuppe im ganzen Dorf auf den Tisch.
  „Habt ihr den Tempel gefunden?“, fragte sie resigniert.
Ich nickte bloß und begann zu löffeln. Bei unserer Mutter konnte jedes falsche Wort schlimme Erinnerungen hervorrufen.
  Ich nahm sie in den Arm. Das tat ich täglich manchmal bis zu fünfmal.
Mutter erzog nicht uns. Wir erzogen Mutter.
  Lias drückte ihre Hand. Ständig ging es darum, Leute glücklich zu machen oder ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Bei Mutter war das so gut wie unmöglich. Erst Lenzi, dann Vater. So etwas verkraftete man nicht einfach. Sie hatte es mindestens dreimal so hart getroffen wie uns.
  „Zündest du bitte den Ofen an, Sorella?“ Lias deutete in Richtung Entspannungsraum. Ich lächelte süß. „Gerne, Tello.“
  Unsere Hütte befand sich direkt im Zentrum der Stadt, gleich neben Glorias Tempel. Man konnte sie nicht verfehlen. Ein krummes Gerüst in abblätternden Rot- und Orangetönen. Zwei Häuser weiter lebte ein Junge namens Nesio. Er half uns manchmal aus bei der Arbeit mit den Kühen, für die ich verantwortlich war. Dafür kümmerte Lias sich um unser eines Pferd.
  Nach dem Essen ging ich zu Nesio rüber und fragte ihn, ob er mir jetzt schon bei den Kühen helfen wolle. Der Junge meinte, er täte es liebend gern.
Wir schlenderten den Weg zur Weide entlang und nahmen ein paar Eimer mit.
  Nach fünf Minuten stützte ich mich an seiner Schulter ab, um vor Müdigkeit nicht umzukippen.
Acqua cheta rompe i ponti.“, murmelte er vor sich hin. Ich wollte mir schon mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen. Das passte ja jetzt so gar nicht.
  Es erinnerte mich dennoch an ein Gedicht, welches nach der Wandlung entstanden war.

Wasser an die Brücken trifft,
alles mit sich zieht.
Meine Liebe, verweile doch,
nur das Wasser die Brücken bricht.

Wasser an die Brücken trifft,
ein dunkles Ohmen, immer bereit,
du musst hier bleiben, mich weiter lieben,
ich habe all den Schmerz so leid.

Wasser an die Brücken trifft,
still und unaufhaltbar,
kann es fühlen, leise Winde,
brausen durch mein Haar.

Ich wusste zwar nicht genau, was ich daraus schließen sollte, doch ich liebte die Worte, den ganzen Text. Und dieses Sprichwort … passte perfekt dazu.
   Ich lehnte mich an den Weidenzaun und betrachtete die friedlichen Kühe. Die mussten sich ja über kaum etwas Gedanken machen. Durften einfach schlafen, essen, schlafen, essen, gemolken werden.
Bei Schlangen war es ganz anders. Und ich hatte wirklich meine Gründe, jetzt auf diese Tiere zurückzukommen.
  Bekannt war ich als das Schlangenmädchen. Mit den roten Haaren erinnerte ich wohl stark an eine grüne Buschviper in rot. Die Dinger erinnerten stark an Drachen.
  Doch bei der Göttin, ich sah doch nicht aus wie ein Drache! Und da wären wir dann wieder bei den Brücken. Oder auch nicht. Ich war mir nicht sicher, was Drachen jetzt mit Brücken zu tun hatten, aber Schmerz passte doch gut dazu.
  Nesio reckte sich. Eine Kuh blickte neugierig zu ihm auf. „Dann wollen wir mal.“ Er nahm sich einen Eimer und setzte sich unter die neugierige Kuh.
  Am liebsten hätte ich jetzt laut losgeprustet. „Die mag dich wohl!“, rief ich ihm zu und machte mich an meine Lieblingskuh. Mucca. Das italienische Wort für Kuh. So hatte ich sie getauft. Ich habe es nie bereut.
  Der Weg vor der Weide lag voll mit Laubblättern. Das Rascheln unter meinen Füßen nervte ein wenig.
Gelb, Orange, Rot, Braun, Grün. Die Farben, die ich wahrnahm. Einige Blätter zierte ein Sprenkelmuster, was sie gleich fünfmal hübscher machte.
  Den Herbst konnte man die schönste Zeit im Jahr nennen. Es war der Zeitpunkt, an dem sich das ganze Dorf an Lenzi erinnerte. Sie dachten an ihr stilles Lachen, wenn sie ein Blatt fallen sahen. Lenzi war überall. Der Herbst verzauberte uns alle, genau wie Lenzi es getan hatte.
  Der Wind, der mir die Haare ins Gesicht wehte, kam mir vor wie ein leichter Atemzug von Lenzi. Jedes Blatt, das auf den Boden traf, bedeutete ein erstorbenes Lächeln. Deswegen fing ich Blätter, bis mir die Arme abfielen, erinnerte mich an Lenzis Strahlen.
  Genauso strahlten die Blätter in den schönsten Farben.
Wenn ich könnte, stünde ich den ganzen Tag hier draußen und würde Blätter fangen.
Lenzis Lächeln auffangen.

One Response to Fallende Blätter

  1. Freddi, ich weiß, wunderschön schreibe ich jedes Mal. Aber vergiss es bitte, denn alles andere ist im Vergleich hierzu nicht mehr wunderschön. Wirklich, ich liebe den Stil, die Figuren, die SPRACHE (!!!) ... Einfach alles. Mehr, ich brauche mehr. Bitte!!!

    Nur eine Sache muss ich leider loswerden: Es erinnert mich teilweise echt sehr an "Panem". Sorry, aber ich hab mir geschworen, bei solchen Sachen immer die Wahrheit zu sagen.

    Bitte, stell mehr rein! <3

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